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Text für alle: Fastfood-Sperma


In einer Zeit, in der das Selbstbewusstsein vieler Menschen immer mehr abnimmt, und somit auch die Fähigkeit sich für längere Zeit binden zu können - in einer Zeit, in der der eigentlich aufs Du ausgelegte Mensch zunehmend zum Egoisten vereinsamt, geht die Begrifflichkeit „Vorspiel“ an dem auf Autoerotik beschränkten Menschen vorbei.

Vorspiel für Singles ist der Gang in die Pornoecke der Videothek.


Aber auch für Menschen, deren Bindungsfähigkeit noch so weit erhalten ist, dass sie Beziehungen eingehen können, ist die Begrifflichkeit Vorspiel schlicht falsch gewählt: Wer sagt, dass Sexualität ein Spiel ist?

Vielen meiner Bekannten ist es verdammt Ernst damit. Viel zu Ernst, als dass spielerische Sexualität eine von Leichtigkeit geprägte Lebenshaltung und insofern auch eine von Leichtigkeit geprägte Beziehung bereichert.

Wie sonst ist die bange Frage zu verstehen: „Willst Du nur mit mir spielen, oder meinst Du es wirklich ernst mit mir?“

Nein, ich glaube, dass es uns verdammt ernst ist mit unserer Sexualität. Spätestens, wenn unser Partner uns gesteht, dass er uns mit einem anderen Menschen betrogen hat, hört für die meisten von uns der Spaß auf, oder?

Und überhaupt: Vorspiel und Nachspiel. Das klingt wie Hin- und Rückspiel in der Bundesliga. Und für den technisch unvollkommenen Lover gibt die falsch bespielte Frau die Rote Karte.

(...) Die Begrifflichkeit Vorspiel muss von einem Mann stammen, insofern als von spezifisch anzuwendenden Techniken die Rede ist.
Mit der richtigen Technik zum Orgasmus. Das ist was für Technikfreaks und klingt wie aus einem Doityourself-Handbuch: „Mit dieser Rohrzange packst Du jede verklemmte Mutter.“

Vorspiel trägt zudem einer weiteren typisch männlichen Eigenschaft Rechnung: Wir Männer sind verspielt. Und wie!

Ich sehe meinen auf dem Entwicklungsstand eines Vierzehnjährigen stehen gebliebenen Nachbarn vor meinem geistigen Auge, wie er mit seinen Matchboxautos über die Gebirge seiner Freundin begeistert zur Talfahrt ansetzt. D.h. wenn er von seinem Computerspiel ablassen und sich seiner blonden Playstation im Bett zuwenden kann.


Oft wird in der einschlägigen Literatur das Vorspiel gerne mit einer Vorspeise fürs eigentliche Mahl bezeichnet. Das ist nicht romantisch, es klingt antiquiert.

Vorspeise in einer Fast-Food-Generation?

Die Imbissromantik im Bett erfüllt alle Erwartungen, die man an ein Schnellrestaurant stellt:
- Schnell und ohne Wartezeit,
- preisgünstig,
- auf das Wesentliche beschränkt.

Sprich: Der Quicki darf nichts kosten. Die heutige Verführungskunst beschränkt sich auf ein hochgeschobenes T-Shirt.

Der wesentliche Unterschied von Fast-Food zur klassischen Gastronomie liegt, wie wir wissen, darin, dass nicht mehr abgewaschen wird. Es gibt kein hochwertiges Geschirr, das immer wieder zum Einsatz kommt, man also quasi immer wieder vom selben Teller isst.
Im Fast-Food wird das kostbare Porzellangeschirr durch billige Pappschachteln ersetzt.

Eine über Jahrhunderte bewährte Recyclingpraxis ist nun abgelöst durch Produktion von Müllbergen.

Das zerbrechliche Geschirr von einst muss Papptellern weichen. Der Pappgastronomie von heute begegnet keiner mehr mit der einst gebotenen Sensibilität, weder mit Behutsamkeit, noch mit Achtung. Man übertrage dies einmal auf unsere Partnerschaften -oder um es unserer Schnellimbissterminologie anzupassen: Beziehungen.

Wer der heutigen Fast-Food-Generation Vorspiel als Vorspeise predigt, outet sich als wirklichkeitsfremd. Vorspiel ist ein Synonym für unser heutiges Reinbeißen und Wegwerfen.


Wen wundert es wirklich, dass unsere Partnerschaften nur noch von kurzer Dauer sind? Anstelle, dass wir unser Leben in einer Weise leben, die uns selbst entspricht und dabei neugierig andere Menschen daran teilhaben lassen, setzen wir auf die richtige Technik. Wer versagt, wird entsorgt.

Die einschlägige Ratgeberliteratur suggeriert uns, dass ein Liebesleben ohne oder mit kurzem Vorspiel verkehrt sei. Anstelle dass unser Leben bereichert wird, müssen wir uns mit schlechtem Gewissen plagen.

Wir haben gelernt, wie ein vermeintlich richtiges Liebesleben auszusehen habe: Die moderne Frau weiß zum Beispiel, dass es auf die richtige Rasur ankommt: Dauerwellen unter den Achsel, im Schambereich und an den Beinen gelten als abstoßend. Man beachte, dass somit eine ganz natürliche Eigenschaft als abstoßend empfunden wird.

Und wir Männer haben endlich kapiert, dass wir zu egoistisch waren. Seitdem sammeln Generationen von Männern dankbar jede Anregung für ein noch besseres Vorspiel. Doch warum eigentlich?
Es wird mit der langsamen Frau argumentiert. Diese würde länger brauchen, bis sie im Marathon des Höchstleistungssports endlich auf die ersehnte Zielgerade des Orgasmus gelangt.

Man kann fast Mitleid mit ihr haben. Diese arme Frau. Immer ist sie zu langsam. Stets geht sie leer aus. Wie in der Geschichte vom Hasen und Igel zieht sie immer den Kürzeren: Er, der Igel, ist schon da, ist schon fertig.
Da gewinnt der Kosename „Hase“ gleich eine andere Bedeutung.


(...) Diese seit Jahren nicht enden wollende Diskussion um ein richtiges Vorspiel ist nur dazu angetan, dass wir alle nun ein schlechte Gewissen haben.
Als Mann bin ich ein schlechter Mensch, weil ich zu schnell bin.
Du als Frau bist ein schlechter Mensch, weil Du zu langsam bist.

Wir werden unaufhörlich dazu aufgefordert uns Mühe zu geben. Und so vergibt die frustrierte Frau ihrem Lover das mangelhafte Prädikat: „Er gibt sich zwar Mühe, aber ....“


Die Biologen unter uns rechtfertigen an dieser Stelle, dass rein biologisch der Geschlechtsakt zur Fortpflanzung diene. Es sei fatal, wenn das begattungsfähige Weibchen bereits vor der eigentlichen Besamung sich zufrieden von ihrem Zuchtbullen abwendet. Es muss also so sein, dass er der Schnellere ist. Rein biologisch. Sonst wären längst alle Kühe ausgestorben.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich ihn vor mir: Einen starken und imposanten Zuchtbullen, wie er um die Gunst seiner Weibchen buhlt und brünstig mit ulkigen Lauten auf sich aufmerksam macht. Mitten auf einer saftigen grünen Wiese mit noch saftigeren Kühen steht er da und schreit sich die Kehle aus dem Leib.

Wer glaubt, dass bei uns Menschen alles anders sei?
Ich denke da gerade wieder an den postpubertierenden Nachbarn, der viel Geld in den richtigen Sound seines tiefergelegtes Autos steckt, dessen Auspuff brünstig alle paarungswilligen Nachbarinnen ruft. Modernes Brunftverhalten.

Doch zurück zu der Kuhherde. Unser Zuchtbulle stürzt sich auf unsere vom Röhren tief beeindruckte Kuh. Er nimmt sie. Doch bevor er zum Abschuss kommt, kommt sie vor ihm und windet sich beglückt heraus und ... grast weiter. Wie sollen da junge Kälber gezeugt werden? Gut, dass die Biologie so clever ist, und für eine erfolgreiche Begattung sorgt, in dem er vor ihr fertig wird, oder?

Vor meinem geistigen Auge bin ich irgendwie wieder bei unserem postpubertären Jungen angekommen, dessen toller Auspuff die ganze Nachbarschaft zu einem einzigen Harem macht. Kaum dass er röhrend vorfährt, steigt in der ganze Siedlung ein feiner Muschiduft in die Lüfte. Paarungswillige Weibchen strömen aus allen Straßen herbei. Er nimmt sie alle, eine nach der anderen. Auch die süße Susi. Voller knisternder Erotik stößt er sie. Kurz vor seinem Samenerguss schreit sie lauter als es sein Auspuff je vermögen wird. Susi ist schon fertig. Befriedigt gibt sie ihm einen von Dankbarkeit motivierten Kuss und dreht sich um.

Wie schnell wären nicht nur Kühe ausgestorben? Gut, dass die Biologie den weiblichen Orgasmus zeitversetzt hinter seinen gesetzt hat, oder? Biologie ist ja so clever!

Dass rein kräftemäßig und rein biologisch die meisten Kerle dem Weibchen überlegen sind, wird irgendwie immer verschwiegen. Der Löwe zum Beispiel verbeißt sich im Hals seiner Frau, und auch die Krallen seiner Vorpfoten dringen tief in sie rein. Diese Frau kann nicht weglaufen, und wenn sie zehnmal vor ihm kommen würde. Rein biologisch, versteht sich.

Vielleicht ist das der Grund, weswegen Männer Bodybuilding machen.


Nein, diese biologische Logik greift nicht. Sie reicht nicht aus, um uns ein schlechtes Gewissen zu machen. Stichwort multiple Orgasmen. Viele Frauen können mehrmals kommen. Und sie wollen es dann auch!
Soll heißen, selbst wenn sie vor ihm kommen sollte, macht sie doch glatt weiter, oder?


Die Biologen unter uns müssen sich die Frage gefallen lassen, warum die Fische mit ihrem eindrucksvollen Orgasmusverhalten noch nicht ausgestorben sind. Herr Fisch besamt die Eier, die Frau Fisch zuvor abgelaicht hat. Egal, ob und wer von den beiden wann und wie häufig einen Höhepunkt erlebt hat, eines ist sicher: Herr und Frau Fisch erleben ihren Orgasmus gänzlich getrennt voneinander.


Es gibt zu viele Ratgeber über die vermeintlich „richtige“ Sexualität. Und zahlreiche Tipps, wie sie mit dem richtigen Vorspiel zum Höhepunkt kommen wird.

Es muss alles richtig sein in unserer Hochglanz-Generation. Nur wer richtig liebt, verdient den Titel “Mr. Perfect“.


Das Essen bei Kerzenschein, oder um es Neudeutsch auszudrücken: Candlelightdinner, als gekonntes Vorspiel zu verkaufen, grenzt an Realitätsverlust: Wer bumst schon gerne mit vollem Magen? Mal unter uns: Sind Zwiebel-Knoblauchküsse wirklich geil?

Oder der über Jahrhunderte nicht tot zu kriegende Mythos Alkohol: Ficken auf Alkohol? Sturzbesoffen weiß man nicht, was man tut, und manchmal nicht einmal mit wem. Blackout. Und am Morgen stolpert man gleich in den nächsten Blackout, wenn man neben einem Monster aufwacht.

Wenn der romantische Grobmotoriker Kerzen anzündet, dann weiß sie, dass sie mal wieder fällig ist.
Der Blondinenwitz: „Mein Mann bringt Blumen mit, da muss ich wohl die Beine breit machen“ „Wieso, habt Ihr keine Vase?“ besticht doch beängstigende Realitätsnähe. Wenn er ein- oder zweimal im Jahr mit Blumen nach Hause kommt, kann sie ihre Migräne vergessen.

Und wenn sie ihre Orangenhaut verdeckend in Strapse durchs Fernsehbild flaniert, muss er seinen Mann stehen, selbst wenn gerade Fußball läuft.

Das alles mag für junge Paare richtig sein. Aber für Menschen, die den Mut haben, gleich mehrere Lebensabschnitte mit demselben Partner zu verbringen, dürften solcherlei Ratschläge schlicht unangemessen sein.


Erst wird die über Jahre gemeinsam aufgebaute Routine, die einer Beziehung vor allem inneren Halt verleiht, verteufelt. Das routinierte Liebesleben wird als tot diffamiert. Und dann soll durch die richtige Technik wieder Lebendigkeit entstehen? Das kann nicht funktionieren.

Und so drückt der diplomierte Vorspielspezialist nun gekonnt die richtigen Knöpfe an ihr und dies in der richtigen Reihenfolge mit der richtigen Intensität. Davon einmal abgesehen, dass keine Frau es geil finden dürfte, wenn sie wie eine Maschine betätigt und alle ihre Knöpfe gedrückt werden. Aber dafür ist nun alles richtig, aber nichts mehr ist echt.
Selbst ihre mit Silikon ausgestopften Titten. Alles ist nun richtig, nichts aber ist mehr echt.


Mit dem richtigen Vorspiel zum Orgasmus, macht den Orgasmus zum Ziel, alles andere wird Mittel zum Zweck. Welch Selbstironie! Menschen, die nichts so sehr fürchten, als lediglich benutzt zu werden, denken und handeln im Bett zweckorientiert!

Halogen-Hochglanz veredelt die Billigkeit des Fast-Food und im Bett läuft alles soweit richtig, dass schon alles wieder verkehrt wird.

Ist nicht die eigentliche Beziehung ein lebenslängliches Vorspiel?



Copyright by Wolfgang Tornow, Hamburg 2008

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In Anthologie "Vorspiel - Mairauschen 08"
Anthologie, 92 Seiten, Taschenbuch
EURO 7, Pauerstoff, ISBN 978-39810113-71